Utz - R. Kaufmann: Jaguar verläßt die WeltZusammenfassung:
Der schwerhörige Jaguar und sein Freund Alligator sind Jungen vom
Stamm der Araparuteri, die tief im Urwald leben. Sie müssen miterleben,
wie ihr Dorf von Knochenhäuten, wie sie die Weißen nennen, zerstört,
die Männer getötet, die jungen Frauen und Kinder entführt werden.
Jaguar, der zum Schamanen ausgebildet wurde, hat jetzt nur noch ein
Ziel: Er muß seine entführten Verwandten finden, damit diese den Brei
aus Bananenmus und der Asche der Verstorbenen zu sich nehmen können,
auf daß ihre Hekura (Geister) Ruhe finden können. Alligator, der Jäger
und Krieger, begleitet ihn.
Leseprobe:
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Als er das Kanu bestieg, kam Alligator angelaufen, seine Waffen in
der Hand. "Ich begleite dich."
Jaguar war so froh, daß er Alligator gerne umarmt hätte, aber er war
Jungmann und sein Freund ein Knabe, also lächelte er nur.
Sie hielten sich in der Mitte des Flusses. Der Schamane der Mamapiteri
hatte sie gewarnt, daß fremde Stämme entlang des Flusses lebten, die
sie vielleicht als Feinde betrachten würden.
Der Schamane hatte ihnen auch Essen mitgegeben, so daß sie nicht
unterwegs nach Nahrung suchen mußten. Und Farben, damit Jaguar ihre
zweiten Häute malen konnte.
Sie paddelten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Fluß mündete
in einen anderen, breiteren, und dann wieder in einen, der noch breiter
war.
Nachts lagen sie eng zusammengedrängt in ihrem Kanu, das sie mit einem
Seil an einem weit über das Wasser ragenden Ast befestigt hatten.
Jaguar war froh, daß Alligator bei ihm war. So schon fehlte ihm das
Tratschen und Lachen der Frauen, die Gesänge der Männer, die Schreie
der Kinder.
Tagsüber schwitzten sie, nachts froren sie in dem Wind, der stetig über
den Fluß wehte.
Ans Ufer zu gehen und ein Feuer zu machen trauten sie sich nicht.
Außerdem waren sie beide nicht gut im Feuermachen.
Und sowie die Sonne aufging, paddelten sie wieder los.
Alligator deutete nach vorne. "Da! Ein Dorf!"
Der Wald am Ufer war weggebrannt und ein paar Hütten standen dort.
Kinder bemerkten sie und begannen zu schreien.
"Schnell!" rief Jaguar und tauchte das Paddel heftiger ins Wasser.
Schon erschienen Frauen am Ufer, dann auch ein paar Männer. Einer von
ihnen stieg in sein Kanu. Sie waren mit ihm auf gleicher Höhe, als er
sich abstieß.
Sie paddelten mit aller Kraft, nahmen sich nicht einmal die Zeit,
zurückzuschauen, ob sie noch verfolgt wurden, ob der fremde Krieger
näherkam.
Sie paddelten, bis ihre Arme zu schwer wurden und Jaguar fast das
Paddel verlor.
Als sie sich umdrehten, war der Fremde nicht mehr zu sehen.
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Das Essen des Schamanen ging ihnen aus, sie mußten früh das Ufer
ansteuern und nach Pilzen, Beeren und Wurzeln suchen. Manchmal fanden
sie einen morschen Stamm mit leckeren Maden oder ein Volk der Bienen,
die nicht stachen, von dem sie sich Honig nahmen.
Einmal, als sie der Mut verließ, blieben sie an Land und erzählten sich
gegenseitig Geschichten. Solche, die sie von den Alten gehört hatten,
und jene, die sie selbst erlebt hatten.
Dann spürten sie die Hekura ihrer Eltern in ihren Körpern. Die Hekura
flehten, weiter zu suchen nach ihren Geschwistern. Sie schauten sich
an. Jaguar sah Alligator, der vor zehn Sommern geboren worden war, kein
kleiner Knabe mehr, aber auch kein Mann. "Malen wir uns an", sagte er.
Jaguar trug die rote Farbe auf Alligators Haut auf, fügte in schwarz
die scharfen Zähne des Alligators hinzu.
Dann glitten Alligators Hände über Jaguars Körper, färbten ihn rot,
malten die schwarzen Kreise des Jaguars.
Sie begannen zu singen, und dann tanzten sie und fühlten die Hekura in
sich und die freundlichen Hekura um sich herum, und sie fühlten, wie
sie stark wurden.
Bei Sonnenaufgang setzten sie ihre Fahrt fort.
Der Fluß mündete erneut in einen neuen, dessen Wasser braun vom Schlamm
war. Er war so breit, daß sie das andere Ufer kaum erkennen konnten,
und als sie weiter auf ihm hinunterfuhren, verschwand es völlig. Sie
hielten sich an ihrem Ufer, denn sie fürchteten auf dem endlosen Wasser
die Richtung zu verlieren.
Sie waren nicht mehr alleine auf dem Fluß, Kanus kamen ihnen entgegen,
aber die Menschen darin beachteten sie kaum.
Mehrmals sahen sie Habonos am Ufer, doch die waren verlassen. So
einladend sie auch schienen, Jaguar wagte nur, in einem von ihnen zu
übernachten, wenn dort keine bösen Hekura umherirrten.
Dann wieder fuhren sie an Lichtungen vorbei, auf denen es vor Menschen
nur so wimmelte. Sie standen im Wasser, Körbe in den Händen, in die
andere Menschen Schlamm hineinschaufelten. Dann tauchten sie die Körbe
ins Wasser, hoben sie wieder hoch und schwenkten sie hin und her,
während Wasser und Schlamm in den Fluß zurückflossen.
Jaguar verstand nicht, was dieses Tun für einen Sinn hatte, warfen die
Menschen doch alle Krebse wieder ins Wasser, die sie so fingen.
Und dann erschraken sie so, daß sie aufhörten zu paddeln.
Vor ihnen war die Welt zu Ende.
Die Bäume hörten auf. Das war keine kleine Lichtung, auf die ein
fremder Stamm sein Habono gebaut hatte.
Das war einfach das Ende der Welt.