Hauptseite Linda Arndt: Bis zur Neige



Zusammenfassung:

Der junge Fürst Jordan von Bertan zu HausThalis lebte sein Leben in den Bahnen, die sein Vater ihm vorbestimmt hatte. Unfähig sich mit dem gewaltsamen Tod seiner Mutter und ihrem magischen Erbe auseinander zusetzen, erkauft er sich eine standesgemäße Frau. Am Tage seiner Verlobung wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die ihn zwingt sich seiner Vergangenheit und seiner Zukunft zu stellen. Er fährt vom Kontinent auf die Dracheninsel um eine Frau zu retten, letzten Endes ist es jedoch er selbst, der seine Errettung zulassen muss.


Leseprobe:

„Oh, Jordan, Fürst von Bertan zu HausThalis, besinne dich! Komm hoch und kotz mir nicht auf die neuen Stiefel!“
Die Stimme kannte er, und auch der Griff, in dem er sich befand, war ihm vertraut. Aber die Augen öffnen, hieße Berge versetzen.
„Ein simples Nein hätte es auch getan. Musstest du sie gleich mit dem Tode bedrohen?“
Jetzt bäumte es sich in ihm auf. Ihr mit dem Tode drohen? Den Wunden auch nur einen weiteren Kratzer hinzufügen? „Niemals könnte ich ...“
„Könntest du was? Dich so besaufen, dass du ihren Namen vergisst und ihr an die Kehle willst? Bei den Gerkonen, Jordan. Ich dachte, du hättest beschlossen, sie sei die beste Partie in den acht Königreichen!“
„Die Bergenau!“ Er riss die Augen auf und sah in das gänzlich besorgte Gesicht eines übernächtigten Alecus.
„Ja, die Bergenau.“
Die Erinnerung an den gestrigen Abend schoss Jordan in den Kopf wie die Kugel einer Luntenschlossflinte. Zweihundert Gäste und keiner hatte ihm das verdammte Glas abgenommen. Vater würde ihn umbringen!
„Das erste Mal, dass ich froh bin, dass dein Vater nicht mehr lebt“, knurrte Alecus und fuhr sich ruppig durch die verschwitzten Locken. „Hier, trink.“
Und da war er wieder, der dunkle Kelch. Jordans Hand streckte sich ihm wie einer faszinierenden Waffe entgegen.
„Nun trink schon! Es ist Wasser. In meiner Gegenwart wirst du nie wieder was anderes bekommen, und mag dich dieses sündhafte Drachenglas daran erinnern, was du fortgeworfen hast für einen Schluck daraus!“
Die Hand, die ihm beim Aufrichten half, zwickte ihn zugleich mahnend in den Nacken, und er musste grinsen bei dem Gedanken, welch liebevolle Katzenmutter doch an seinem nahezu zwei Schritt großen Freund verloren gegangen war. Sein Magen protestierte in unguter Erwartung, als das – zugegeben - eiskalte Wasser seine Lippen berührte. „Du hättest es auch anwärmen lassen können, mein lieber ...“ Wasser schlug über ihm zusammen, er konnte dem Griff nicht entkommen, der ihn unbarmherzig in die Tiefe drückte. Lippen zusammenpressen, Atem anhalten! Doch heißer Schmerz in seinem Kreuz ließ ihn aufschreien und das eisige Wasser nahm Besitz von seinem Mund und allen seinen Sinnen.
„Jordan! Hör auf mit den Kissen zu kämpfen, Jordan!“
Er war nicht ertrunken. Er hing im Griff starker Arme und Alecus` Gesicht wirkte selbst, so schweißnass und bleich, wie das einer Wasserleiche. „Ich muss kotzen ...“

Verbrannter Atem, schmerzende Muskeln. Ein Schrei, der entsetzliche Furcht einjagte. Wispern und Stöße. Berührungen - widerlich - und dieser Geruch von verbranntem Fleisch. Keinen Augenblick mehr am Leben festhalten zu können, rang mit dem Gefühl nicht aufgeben zu dürfen. „Nein!“
Als Jordan die Augen aufschlug, war es sein Gemach, und er war allein in seinem Schweiß.
„Hast du gerufen?“ Alecus erschien und bewies mit allerlei Gestrüpp im Gesicht, dass mehr als ein Tag vergangen war.
Jordan Fürst Thalis bemühte seine edle Abkunft zu einem angemessenen Auftritt, indem er aufstand und Alecus dieses Mal zuvor kam. „Ich werde etwas unternehmen müssen!“
„Ruh dich aus! Die Heiler haben dich auf eine Vergiftung hin behandelt. Du hast dich jedoch derart gewehrt, dass sich keiner an einen Aderlass herangewagt hat. Drei Tage Toberei und wirres Gerede. Ich war froh, dir etwas Milch einflößen zu können.“
„Was habe ich gesagt?“ Jeder Muskel brannte. Der Hunger, alles war so wirklich gewesen. Sie hatten ihn gefangen genommen, seine Familie. Jeder, der sich zu heftig gewehrt hatte und nichts wert schien, war nun tot. In der Hitze schuften, kaum zu essen erhalten, nie genug zu trinken. Es sei denn, er wurde in das Fass getaucht, für jeden Ungehorsam bis zur Bewusstlosigkeit. Und wenn diese groben Hände ihn wieder ans Leben gezerrt hatten, war einen Herzschlag lang das Gesicht der Frau zu erblicken, deren Augen sich ihm eingebrannt hatten wie ein Brandmal auf der Schulter. Schwarz wie der Kristall, gebrochenes Licht. „Was habe ich gesagt?“ wiederholte er, als könnten seine eigenen Worte das Geschehene realer machen oder aber vergessen.
„Keine Ahnung was du gesagt hast!“ Widerwillig half ihm Alecus in die Hose und stopfte ihn wie ein Kind in ein neues Hemd. „Du hast sinnlos herum gebrabbelt. Es klang wie Kauderwelsch von der Insel!“
„Ich bin verzaubert worden!“
„Vergiftet, vielleicht ...“
„Nein“, beharrte Jordan und ignorierte den Schwindel, der ihn erfasste, als er sich nach seinen Stiefeln bückte. „Verzaubert! Wir brauchen so einen ... wie heißen die noch einmal ... einen Kekren.“
„Einen Kirgen? Du spinnst jetzt endgültig!“
Jordan wehrte die Hände, die ihn wieder aufs Bett werfen wollten, erfolgreich ab und griff nach dem Schwertgehänge. „Komm schon. Die Zeiten, in denen man mit einem lebendigen Kaninchen im Bauch am schwarzen Strick gehängt wurde, wenn man sich der Magie bediente, sind doch vorbei. Liebestränke sind das Parfüm dieses Tanzfrühlings.“
„Ja und ich schlafe in Frieden mit Schießpulver unter dem Bett!“ murrte Alecus und hielt Jordan die Tür auf.