Annemarie
Nikolaus: Die Piratin
Zusammenfassung:
Nanja, die berühmte Piratin, stiehlt im Auftrag eines Adligen aus Kruschar auf dem Kontinent eine Hand voll Pferde. Der Adlige, Margoro, will die Pferde beim jährlichen Winterfest in einem Rennen gegen die einheimischen Drachen antreten lassen.
Auf dem Kontinent hat ein neuer Mann auf Nanjas Schiff angeheuert: Ron erweist sich als erfahren im Umgang mit den Pferden. Ron wird bei einem Erdbeben verschüttet und schwer verletzt. Um ihn zu retten, lässt Nanja sich auf die verbotenen Mächte der Magie ein. Sie macht sich Margoro zum Feind, als sie sich weigert, ihm Ron auszuliefern.
Margoro nimmt Nanja und Ron gefangen und zwingt Ron, für ihn zu reiten ...
Leseprobe:
...
Margoro hörte mit wachsendem Misstrauen zu.
“Mit
betrunkenen Matrosen fahre ich nicht”, knurrte er schließlich.
Nanja feixte. “Dann müssen wir noch eine
Nacht bleiben.
Die Männer haben sich ihr Fässchen verdient.”
“Das machst du mit Absicht”, stieß er hervor.
Sie nahm einen langen Strick und eine
Mohrrübe und ging
zum Pferch. Margoro tappte fluchend hinterher.
“Welchen willst du jetzt reiten?”
“Jetzt?” Margoro starrte sie an. “Ich denke,
du
willst bis morgen bleiben.”
“Aber wieso denn?”, log sie. “Ich habe nichts
dergleichen gesagt. Wir müssen bleiben, weil du nicht mit betrunkenen
Matrosen
fahren willst.”
Margoro blickte auf die Pferde und kratzte
sich am Kinn.
“Den Berg hoch sollte ich eines nehmen, das sehr sanft ist, nicht?”
Am liebsten hätte sie ihn schon wieder
ausgelacht.
“Dann holen wir die weiße Cavalla dort.”.
Er brummte irgendetwas. Sie hielt die
Mohrrübe über das
Geländer und lockte die Tiere. Als die Cavalla heran war, griff Nanja
in ihre Mähne
und legte lose das Seil um den Hals. Dann drückte sie es Margoro in die
Hand.
“Freunde dich an mit ihr.”
Der Adlige blickte zwischen ihr und der
Cavalla hin und
her; dann streckte er die Hand nach dem Pferd aus und begann mit
einschmeichelnder Stimme zu reden. Als Nanja gehen wollte, fragte er
wieder:
“Und wie kommt man denn nun hinauf?”
“Willst du es schon ausprobieren?” Nanja
lächelte.
“Steig aufs Geländer.”
Er gab ihr den Strick und mühte sich die zwei
Holme hoch.
Als er rittlings oben saß, wollte Nanja ihm das Seil zurückgeben, aber
er
wehrte ab.
Die Matrosen waren inzwischen aufmerksam
geworden und
kamen näher.
Margoro griff nach der Mähne, während Nanja
das Seil
hielt. Statt gleich aufzusteigen, zog er das Pferd an der Mähne zu sich
heran.
Nanja bemerkte, wie sich die Männer zuzwinkerten und grinste.
Dann streckte Margoro die rechte Hand nach
der Kruppe aus
und versuchte, das Tier parallel zum Geländer zu stellen. Einer der
Matrosen
sprang in den Pferch und half ihm, indem er von innen schob. Margoro
nickte ihm
zu, dann schwang er sein rechtes Bein über den Pferderücken: Nur musste
er
dazu die Kruppe los lassen und sofort drehte sich das Pferd weg, da der
Matrose
nicht stehen geblieben war. Margoro gelang der Schwung nicht
vollständig; er
fiel nach hinten und plumpste zwischen Pferd und Geländer. Das Seil
hatte er
vor Schreck losgelassen und das Pferd sprang davon.
Die Matrosen lachten, während Margoro sich
aufrappelte.
Einer der Männer half ihm zurück aufs Geländer, während drei andere das
Pferd in die gegenüberliegende Ecke drängten und schließlich einer von
ihnen
das Seil zu fassen bekam. Während die anderen beiden zurückwichen,
sprach er
auf die Cavalla ein. Nanja fand, dass er seine Sache ganz gut machte,
denn er
zerrte und zog nicht, sondern ließ ihr Zeit, ihm Schritt für Schritt zu
folgen.
Schließlich stand er vor Margoro. Ein zweiter
Matrose
trat hinzu und drückte das Pferd dicht ans Geländer. Diesmal beugte
Margoro
sich nach vorne, legte sich halb über den Hals des Tieres und hielt
sich an der
Mähne fest, bevor er sein Bein über den Rücken schwang. So kam er
richtig
hinauf. Vorsichtig setzte er sich aufrecht hin und der Matrose gab ihm
das Seil.
Erst saß Margoro ganz still; dann streichelte
er mit der
freien Hand den Pferdehals und murmelte vor sich hin. Das Tier hatte
die Ohren
gespitzt, als versuche es, ihn zu verstehen.
Alle warteten gespannt, aber es geschah
nichts. Auch die
Cavalla schien zu warten. Margoro sah sich nervös um und rutschte auf
dem
Pferderücken hin und her. “Lauf doch endlich.”
Das Grinsen in den Gesichtern der Matrosen
wurde immer
breiter. Margoro konnte es nicht entgehen; er runzelte die Stirn.
Plötzlich gab
er dem Pferd einen Klaps auf die Kruppe: Es reagierte mit einem Satz
nach vorne
- und Margoro saß auf der Erde. Das Gelächter der Matrosen brach sich
an den Hängen.
Margoro fluchte, dann besann er sich seines
Rangs und
erhob sich so würdevoll wie möglich. Er trat zu Nanja. “Ich vergaß zu
fragen, wie man es in Gang setzt. Anscheinend laufen sie nicht wie
unsere
Drachen von alleine los, sobald man Platz genommen hat.”
“Ich glaube, das liegt daran, dass sie unsere
Gedanken
nicht lesen können.” Sie konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen,
aber
nun brauchte er es nicht mehr auf sich zu beziehen. “Sie sind wohl ein
bisschen dumm.”
Margoro sah sie erstaunt an. Da erst fiel ihr
ein, dass
die Landmenschen nicht wussten, dass Drachen Gedanken lesen konnten.
Er blickte zu den Pferden, dann sah er Nanja
an.
“Vielleicht warte ich besser, bis ihr mir den Sattel gebracht habt.” Er
grinste. “Die Sabienne werden einen Grund haben, dass sie Sättel
benutzen.”
“Ron kann ohne Sattel reiten”, entfuhr es
Nanja.
“Ron?” Margoro trat noch dichter an sie
heran. “Wer
ist das?”
Sie deutete mit einer Kopfbewegung zu dem
Verletzten.
“Der Matrose.”
Margoros Augen wurden schmal; Nanja sah ihm
an, dass seine
Gedanken in Aufruhr waren und sie fragte sich, was er aushecken mochte.
Zuerst
verfluchte sie ihre Unachtsamkeit, aber dann sagte sie sich, dass er es
früher
oder später doch erfahren hätte. Spätestens, wenn sie Schwierigkeiten
hätten,
die Tiere wieder an Bord zu bringen, hätte sich jemand verplappert.