Zurück Katja N. Obring: Wetten und Rennen




Leseprobe:

Eben als sie in die Knie gehen wollte, um seine Hand zu greifen, hüstelte hinter ihr jemand in angewiederter Manier, und sie hörte die näselnde Stimme des dicken Mannes im Goldbrokatrock, der ihr auf dem Schiff als Ratsherr Magoro vorgestellt worden war. “Der ist hinüber.” Die Piratin sprang auf, und das letzte, was sie hörte, bevor sie in die Verbindung glitt, waren die Worte Nanjas: “Zeig ihm die Pferde.“
Aber nun konzentrierte sie sich einzig auf den vor ihr liegenden Mann, Ron. Seine Hand war heiß, und er atmete mühsam und stoßweise. Je enger sie sich mit ihm verband, desto deutlicher spürte sie seine Schmerzen, und sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht zusammenzukrümmen wie ein Wurm im Sonnenlicht. Mehrere seiner Rippen waren gebrochen, und einige Knochensplitter hatten sich in die Lunge gebohrt. Der Schaden war nicht so groß, dass er sofort tödlich gewesen wäre, aber die Punkturen hatten angefangen, sich zu entzünden. Und wenn sie das nicht in den Griff bekam, würde er sterben. Schnell, aber qualvoll. Mit einem Ruck entriss sie ihm ihre Hand, und schilderte Nanja in groben Zügen, was mit dem Matrosen los war. Die Augen der Piratin waren dunkel vor Sorge, und Sondria spürte deutlich, dass hinter ihrem Interesse mehr lag als das Geschäft. Sitaki kam endlich mit dem von ihr geforderten heißen Wasser, und so nahm sie den Tiegel mit Heilsalbe aus ihrem Beutel und begann, mit ruhigen Händen die Verbände um den Brustkorb des Mannes zu lösen.
“Hilf mir,” forderte sie Nanja auf, denn je länger die Frau nichts zu tun hatte, desto deutlicher breitete sich ihre Aura der Hoffnungslosigkeit aus, und das wiederum lockte die dunklen Geister näher, und DAS konnten sie überhaupt nicht gebrauchen. Also machte sie einen Aufguss mit Mondsichelkraut und ließ sie seine Wunden säubern, während Sondria einen Trank braute, der ihr helfen sollte, in Trance mit Bhiel in Kontakt zu treten. Schließlich war alles getan, was sie an äußerlichen Hilfsmaßnahmen leisten konnten und damit Zeit für Nanja, sich zurückzuziehen. Nur ein Blick war nötig, und sie hatte begriffen. Dennoch zögerte sie, den Mann allein zu lassen, und schlich nur langsam und nur wenige Meter weit weg.
Als sie sicher war, dass niemand mehr innerhalb der Barriere war, häufte sie Elfenbusch auf einen Teller und zündete es an. Sobald die ersten beißenden Dämpfe aufstiegen, hob sie den Becher mit ihrem Mondsichelkrauttrank zum Mund und schüttete ihn hinunter. Die Wirkung war wie ein Faustschlag in den Magen, und sie sackte in die Knie. Kurz fragte sie sich, ob sie wohl überdosiert hatte, aber immer schneller verschwammen die Grenzen zur Anderswelt, und sie begann, schattenhafte Gestalten wahrzunehmen, die sich am Rand des durch die Runen geschützten Bereichs drängten wie Kinder am Gitter des Bärenkäfigs. Ihr Heulen und Jaulen klang deutlich zu ihr herüber, und sie musste als erstes den Schutz verstärken. Also nahm sie eine Handvoll des einfachen Sandes, etwas anderes hatte sie nicht mehr, und streute ein Schutzpentagramm auf seine bloße Brust. Die Wesen pfiffen und johlten, aber durch ihr Wüten erkannte sie ein anderes Geräusch, das von Hufen. Bhiel war auf dem Weg zu ihr, die große Göttin selbst kam, ihr zu helfen. Sie hob den Kopf, und da war sie, nicht ganz so prächtig wie sonst, und ohne den üblichen Schmuck aus Sternen und Kometen in Mähne und Schweif, aber eindeutig Bhiel. Sie trabte auf die Piratin zu, und zu Sondrias unermesslichem Staunen schien diese sie zu sehen! Sondria erhob sich und ging, ohne weiter nachzudenken, auf sie zu. Sie musste die Göttin beschützen, sie vor den Händen der Ungläubigen behüten, wer konnte wissen, was passieren würde, wenn - die Piratin versuchte, Bhiel festzuhalten, aber natürlich ließ diese sich nicht einfangen, sondern tänzelte elegant zur Seite weg und trabte weiter auf Sondria zu, um wenige Meter vor ihr zum Stehen zu kommen.
“Wie geht es dir, Wandlerin?”, fragte die Göttin. Sondria näherte sich und streckte die Hand aus, um sie zu berühren.
“Ich habe gelernt, aber noch lange nicht genug,” antwortete sie, und ein dunkler Schatten schien über sie hinweg zu ziehen.
“Nein, noch lange nicht genug. Und du musst mehr über dich selbst lernen, mein Kind. Du beginnst, zur Gefahr für andere zu werden. Lerne deine Träume beherrschen!” Die Göttin warf ihren schönen Kopf in die Höhe und scharrte mit dem Vorderhuf.
“Aber wie kann ich denn meine Träume beherrschen? Niemand kann das!” Verzweiflung durchflutete Sondria, Trauer ungeahnten Ausmaßes, und sie hätte nicht einmal sagen können, worum sie da trauerte.
“Deine Träume sind anders, Kind, deine Träume sind keine Träume. Sie sind Realität, blutige und warme und fleischliche Realität. Lerne deine Träume zu beherrschen!” Und sie stieg, drehte sich auf der Hinterhand und galoppierte davon, während hinter ihr der Matrose anfing zu schreien, zu schreien, wie sie noch nie einen Menschen hatte schreien hören, und Sondria wußte, die Dämonen waren da.